Was verschneite Landschaften über Gestaltung und Marketing erzählen.
Ein Spaziergang durch die verschneite Landschaft hat etwas Beruhigendes. Am Fuße des Erzgebirges liegt im Winter oft noch Schnee, der alles verändert: Farben ziehen sich zurück, Konturen werden weicher, Details verschwinden unter einer gleichmäßigen Decke. Die Landschaft wirkt plötzlich klarer, fast grafisch. Übrig bleiben Flächen, Linien, Kontraste. Das Große Ganze.
Wenn man jedoch genauer hinsieht, erkennt man im vermeintlich leeren Schnee neue Details: feine Schneekristalle, zarte Schattierungen, Spuren im Schnee. Reduktion bedeutet nicht Verlust, sondern Fokussierung. Genau das begleitet mich auch in meinem Grafikerleben. Wenn Farben reduziert werden, Formen klarer sind und Gestaltung Raum zum Atmen bekommt, entsteht Orientierung. Gestaltung wird nicht ärmer, sondern stärker. An dieser Stelle stimmt wohl die bekannte Redewendung „Weniger ist mehr“ von dem Architekten Ludwig Mies van der Rohe(1886–1969). Damals zwar auf die Architektur bezogen, lässt sie sich doch eigentlich auf viel anderes übertragen.
Auch im Marketing ist diese Reduktion entscheidend. Nicht alles sagen, nicht alles zeigen, sondern das Wesentliche sichtbar machen. Schnee verdeckt das Unwichtige und lenkt den Blick. Eine starke Marke funktioniert ähnlich: klare Botschaften, eine stimmige Farbwelt, ein ruhiger Auftritt. Weniger Ablenkung, weniger Designkleider, mehr Wirkung. Vielleicht fasziniert mich die winterliche Landschaft deshalb so sehr, weil sie uns daran erinnert, wie kraftvoll Einfachheit sein kann.
„Reduktion bedeutet nicht Verlust, sondern Fokussierung.“
An dieser Stelle passt auch das Gedicht „Dorf im Schnee“ von Klaus Groth (1819–1899) sehr gut. Mein Kind musste es im letzten Monat für die Schule auswendig lernen. Und während wir gemeinsam die verschneiten Wege entlanggingen, kamen mir seine Zeilen wieder in den Sinn. Das Gedicht fängt genau diese stille Reduktion ein: die Ruhe, das Vereinfachte, das Zurücktreten der Welt unter einer Schneedecke. Es passt gut zu den Eindrücken dieser Tage.
Das Dorf im Schnee
Still, wie unterm warmen Dach,
Liegt das Dorf im weißen Schnee;
In den Erlen schläft der Bach,
Unterm Eis der blanke See.
Weiden steh'n im weißen Haar,#
Spiegeln sich in starrer Flut;
Alles ruhig, kalt und klar
Wie der Tod der ewig ruht.
Weit, so weit das Auge sieht,
keinen Ton vernimmt das Ohr,
Blau zum blauen Himmel zieht
Sacht der Rauch vom Schnee empor.
Möchte schlafen wie der Baum,
Ohne Lust und ohne Schmerz;
Doch der Rauch zieht wie im Traum
Still nach Haus mein Herz.
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