Para-sympathikus

Die unsichtbaren Regisseure im kreativen Alltag

Auch bei diesem Artikel war es wieder das Leben selbst, das mir die Inspiration geliefert hat.

Der Anlass ist kein leichter: Einer lieben Freundin von mir geht es gesundheitlich gerade nicht gut. Sie arbeitet – wie ich – im kreativen Bereich, liebt ihren Job, ist mit Herzblut dabei. Doch in letzter Zeit ist sie durch ihren Arbeitgeber so sehr gefordert – oder besser gesagt: überfordert – dass ich sie kaum wiedererkenne. Müde, verzweifelt, innerlich leer. Ausgebrannt. Und das bei einem Menschen, der sonst vor Ideen sprüht.

Es hat mich sehr nachdenklich gemacht. Denn dieser Zustand fällt ja nicht vom Himmel. Er ist das Ergebnis eines Nervensystems, das viel zu lange auf Alarm geschaltet ist – und nicht mehr weiß, wie man den Ruhemodus überhaupt erreicht.

Also habe ich mich auf die Suche gemacht: nach den inneren Schaltern, die unsere Kraft steuern – und nach dem Zusammenspiel von Sympathikus und Parasympathikus, diesen beiden unsichtbaren Regisseuren in unserem Körper, die so viel mehr mit unserem Alltag (und unserer Kreativität) zu tun haben, als wir oft denken.

Und genau darum geht es in diesem Artikel:

Zwei Nervenstränge, ein Alltag – und ganz viel Design dazwischen.

Kennen Sie das Gefühl, wenn plötzlich alles gleichzeitig passiert? Der Kunde ruft an, während das Moodboard noch halbnackt auf dem Bildschirm liegt, die Deadline im Nacken sitzt und der Kaffee sich weigert, seine Wirkung zu entfalten? Willkommen im Königreich des Sympathikus – dem nervlichen Wachmacher, der gern mal mit der Tür ins Büro fällt.

Aber keine Sorge: Sein etwas entspannterer Gegenspieler, der Parasympathikus, steht schon mit einer Tasse Tee und einem Kissen in der Hand bereit – man muss ihn nur lassen.

Sympathikus – der innere Turbo

Der Sympathikus ist Teil unseres vegetativen Nervensystems und wird dann aktiv, wenn’s brennt. Im Design-Alltag zum Beispiel, wenn die Kundin „nur ganz kurz“ ein Rebranding bis morgen möchte. Oder wenn die kreative Muse partout nicht erscheinen will, aber der Pitch trotzdem um 14 Uhr startet.

Der Sympathikus sorgt dafür, dass wir in solchen Momenten wach, fokussiert und leistungsbereit sind. Herzfrequenz hoch, Stresshormone aktiviert, Tunnelblick eingeschaltet. Perfekt also, um durch ein anspruchsvolles Layout zu sprinten – weniger ideal, wenn man eigentlich nur mal kurz den Pinsel schwingen wollte.

Parasympathikus – der Ruhepol inmitten der Farbexplosion

Ganz anders tickt da der Parasympathikus. Er ist der gemütliche Kollege, der lieber ein gutes Buch liest, als sich durch Meetings zu klicken. Er aktiviert sich, wenn wir runterfahren – beim Spaziergang, beim Yoga oder wenn man sich endlich die Zeit nimmt, einfach mal die Farbverläufe des Sonnenuntergangs zu beobachten (Inspiration inklusive).

In der kreativen Arbeit ist dieser Teil besonders wertvoll. Denn echte Ideen brauchen Raum. Und Ruhe. Der Parasympathikus sorgt dafür, dass Verdauung, Regeneration und echte Tiefenarbeit überhaupt stattfinden können – also alles, was das Design aus dem Autopilot-Modus holt und mit Seele füllt.

Balance finden – nicht nur im Farbspektrum

Kreative Arbeit lebt vom Wechselspiel: Konzeption und Pause, Spannung und Entspannung, Fokus und Loslassen. Genau wie Sympathikus und Parasympathikus – sie arbeiten nie gleichzeitig, sondern immer im Wechsel. Ein bisschen wie eine gute Farbpalette: Kontrast macht’s lebendig, Harmonie macht’s schön.

Der Trick ist, die beiden Systeme bewusst wahrzunehmen und ihnen Raum zu geben. Wenn’s hektisch wird: mal durchatmen. Wenn’s zu ruhig wird: einen sanften, metaphorischen Tritt vom Sympathikus zulassen.

Oder, ganz pragmatisch:

  • Sympathikus aktivieren: Kalte Dusche, schneller Spaziergang, energiegeladene Musik, klare To-do-Liste.

  • Parasympathikus aktivieren: Atemübung, warme Getränke, Offline-Zeit, kreatives Kritzeln ohne Ziel.

Kreativität lebt von Rhythmus

Das vegetative Nervensystem ist vielleicht kein Gesprächsthema beim Kundenmeeting – aber es bestimmt, wie gut wir Ideen entwickeln, wie souverän wir mit Stress umgehen und wie gesund wir dabei bleiben.

Ein bisschen wie das unsichtbare Moodboard im Hintergrund unseres Lebens: Wenn die Balance stimmt, fühlt sich Arbeit plötzlich weniger nach „leisten müssen“ an – und mehr nach „fließen dürfen“.

Und ganz ehrlich: Wer kreativ arbeitet, kennt diesen Flow-Zustand, in dem Zeit keine Rolle spielt und alles mühelos wirkt. Raten Sie mal, wer da gerade die Strippen zieht? Genau: Der Parasympathikus. Wahrscheinlich barfuß, mit einem Skizzenbuch auf dem Schoß.

Sympathikus und Parasympathikus – das dynamische Duo unseres Nervensystems – sind mehr als nur medizinisches Vokabular. Sie sind die unsichtbaren Dirigenten unseres Alltags, unserer Kreativität und unserer Gesundheit. Wer lernt, sie zu hören (und manchmal auch zu zähmen), wird nicht nur ein besserer Designer – sondern auch ein entspannterer Mensch.

Ich hoffe, dieser Artikel darf ein kleiner Impuls sein – für meine Freundin, für alle, die sich gerade ähnlich fühlen, und vielleicht auch für Sie.

Denn manchmal braucht es nur ein bisschen Verständnis für die eigenen inneren Systeme, um den ersten Schritt raus aus dem Dauerstress und zurück in den kreativen Fluss zu machen.

Mit einem Augenzwinkern und einem stillen Gruß an alle, die heute schon tief durchgeatmet haben.



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